Hirsch Bachenheimer wurde am 21.7.1862 in Holzhausen geboren und besuchte vor Antritt seiner Lehrerstelle in Uelzen das jüdische Lehrerseminar in Hannover. In Uelzen trat er seinen Dienst 1882 an, zunächst zur Probe, später als festangestellter Lehrer der Synagogengemeinde Uelzen.

Es gab nach all dem, was uns z.Zt. bekannt ist, keine selbständige jüdische Volksschule, wie z.B. in Lüneburg. Der Religionsunterricht fand außerhalb der staatlichen Schulen in Privaträumen von Mitgliedern der Synagogengemeinde oder später auch in einem dafür extra eingerichteten Raum im Privathaus Herrn Bachenheimers statt.
Der jüdische Religionsunterricht beschränkte sich nicht auf die religiöse Unterweisung im engeren Sinn, sondern schloss auch das Erlernen der hebräischen Sprache, israelische Landeskunde und Musikunterricht mit ein. Die Unterrichtung in all diesen Bereichen sprengte den Rahmen einer herkömmlichen religiösen Unterweisung, so dass in den Unterlagen auch von einer Lehrtätigkeit in einer Religionsschule die Rede ist.

Foto: Privatbesitz

Von der Synagogengemeinde als Religionslehrer verpflichtet, erteilte er den Kindern jüdischer Gemeindemitgliedern Religionsunterricht. Dieser fand in einem dafür extra eingerichteten Raum seines Privathauses Alewinstraße 30 statt. Die Teilnahme am Unterricht der Religionsschule war eigentlich für alle jüdischen Kinder verpflichtend. Dieser Verpflichtung entzogen sich jedoch besonders in dem großstädtischen Umfeld viele jüdische Eltern, vielleicht ein Ausdruck religiöser Gleichgültigkeit und/oder Ausdruck zunehmender Integration in die sie umgebende Gesellschaft, in der religiöse Werte und Normen ihre prägende Verbindlichkeit schon längst verloren hatten. Wie hoch die Zahl der Kinder war, die regelmäßig den Unterricht in der Uelzener Religionsschule besuchten, wissen wir nicht. Großtochter Hanna kann sich für das Jahr 1935 nur noch an eine kleine Lerngruppe von vier Kindern erinnern: Antje Plaut, Grete Jordan, Ruth und Hanna Horwitz, denen auch hebräischer Sprachunterricht erteilt wurde in Hinblick auf eine spätere Ausreise nach Palästina.


Jüdische Lehrer unterrichteten in Uelzen seit 1829 in unterschiedlicher Intensität und zeitlicher Verweildauer.Immer wieder mußten jedoch interessierte Eltern, die eine jüdische religiöse Unterweisung ihrer Kinder wünschen, Anträge an die Synagogengemeinde bzw. an die Landdrosterei Lüneburg stellen, oft wurde ihren Bitten nicht entsprochen. Mit Hirsch Bachenheimer gelang es nun, einen Pädagogen nach Uelzen zu holen, der ,wie sich im Verlauf der Zeit herausstellen sollte, als Pädagoge und Mensch sich großer Beliebtheit erfreute. Herr Bachenheimer wurde von der Synagogengemeinde Uelzen eingestellt und übernahm damit zugleich auch Aufgaben, die ihn für das Gemeindeleben unentbehrlich werden ließen.
So betätigte er sich von Anfang an als „Hilfsrabbiner“ der Synagogengemeinde, d.h. er bereitete den Gottesdienst vor, er übernahm mit die Verantwortung für den Ablauf des Gottesdienstes usw.

„Er sorgte für einen Betsaal für die hohen Feiertage“, so seine Großtochter Hanna in einem Gespräch mit dem Autor. Darüber hinaus bekleidete er in der Gemeinde seit 1915 das Amt des Rechnungsführers, der schon allein um seines eigenen Lebensunterhaltes wegen sehr darauf bedacht sein musste, die Beiträge bei den beitragspflichtigen Mitgliedern der Gemeinde einzukassieren.

„Er war verantwortlich für das Geld der Gemeinde und jeder vertraute ihm mit allem, was zu tun war.“

Großtochter Hanna

Bachenheimer war der jüdische Religionslehrer, der am längsten in der Stadt blieb (1882-1938) und sich dort auch als Schächter betätigt, d.h. er tötet und zerlegt das Fleisch nach jüdischem Ritual. Bachenheimer wird von Zeitzeugen als liebenswerter, an allem interessierter, zugleich auch strenger und gebildeter Pädagogoge geschildert. Er führte nicht das Leben eines religiösen Sonderlings, der nur seine Bücher kannte, sondern er war auch offen für die kleinen Freuden des Alltags, so wenn seine Großtochter Hanna schreibt:

„…Er war ein leidenschaftlicher Raucher und Skatspieler.Jede Woche hatte er einen Abend, wo die Nachbarn (nicht jüdische) zu uns kamen und Karten und ein Glas Bier wurde getrunken.“

Die NS-Politik des Antisemitismus und der Ausgrenzung Andersdenkender ließ auch die Familie Horwitz/Bachenheimer nicht unberührt. Schon früh (1935) musste Großtochter Hanna das Lyceum verlassen. Die geselligen Abende mit Freunden und Bekannten fanden immer weniger statt, zogen sich doch die „deutsch-arischen“ Mitbürger von dem ehemals geschätzten Mitbürger Bachenheimer zurück. Es begann nun ein sich über die Jahre hinziehender Prozess der Vereinsamung und Isolierung. Auch die Angehörigen der Familie Bachenheimer/Horwitz zogen sich zurück.“Hanna ließ sich nicht mehr blicken…“, so eine ehemalige Schulfreundin.
Eine dramatische Zuspitzung dieses Prozesses der Ausgliederung und Entrechtung erlebte die Familie in den Tagen um den 8./9. November 38 (Reichsprogromnacht) als in Folge von Straßenkrawallen in der Alewinstraße der Ausstellungskasten der Firma Horwitz zu Bruch ging.
Ein Stein, der in das Zimmer Herrn Bachenheimers geworfen wurde, traf zum Glück nicht den alten Herrn.
Herr Bachenheimer überstand äußerlich unbeschädigt die Unruhen dieser Nacht, jener Tage. Er wurde auch nicht ,wie die anderen Uelzer Bürger jüdischen Glaubens unrechtmäßig inhaftiert, laut Zeugenaussage dank der Fürsprache und Standhaftigkeít eines Uelzer Ortspolizisten.

Er starb 1940 eines natürlichen Todes, wurde als letzter Uelzer jüdischen Glaubens auf dem Friedhof an der Niendorfer Straße beerdigt.

Großtochter Hanna emigrierte schon 1938 in die USA, Ehepaar Horwitz und Tochter Ruth blieben bis zu seinem Tod in Uelzen, danach verließen sie Deutschland über Portugal, Tochter Hanna hatte von den USA aus für die notwendigen Papiere gesorgt, ihr Engagement rettete den Eltern und der jüngeren Schwester das Leben.


Dietrich Banse

Zur Person: *6.April 1945, Studium an der Pädagogischen Hochschule Lüneburg, Lehrer von 1971-2008. Gründungsmitglied der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. Schwerpunkte: Geschichte der Uelzener Juden, Uelzen in der Zeit zwischen 1918 – 1945. Sowie Mitarbeit in anderen regionalen Geschichtsvereinen.